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Berufsbildung vor Herausforderungen
 
"Die zentrale gesellschaftliche Frage ist dabei: Wozu dient eigentlich Bildung? Ist sie primär Einkommensgeneratorin oder aber ermöglicht sie eher Lebensqualität?"
Hans Zbinden, Präsident Eidgenössische Fachhochschulkommission
 
Die Veröffentlichung des Weissbuches "Bildung Schweiz" der Akademien der Wissenschaften Schweiz lancierte die Diskussion über den Stellenwert der Berufsbildung in der Schweiz. Hans Zbinden ist Präsident der Eidgenössischen Fachhochschulkommission, ehemaliger Nationalrat und langjähriger Bildungspolitiker. Er ist im Stab der Fachhochschule Nordwestschweiz zuständig für bildungspolitische Fragen.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich hatte damals bereits eine Lehrstelle als Maschinenzeichner in einer kleinen Kunststofffabrik des unteren Fricktals. Doch ein Zahnarztbesuch brachte mich unverhofft auf die Allgemeinbildungsspur! Mein Zahnarzt war nämlich auch noch Schulpflegepräsident meiner Wohngemeinde. Er fragte mich deshalb nach meinen Berufsplänen. Ich teilte ihm mein Vorhaben mit - doch er hatte bereits seine eigenen Pläne mit mir. Er packte mich in seinen PW und fuhr mit mir in das damalige Kantonale Lehrerseminar in Wettingen ("Da gehörst Du leistungsmässig hin!") und stellte mich dem Rektor vor. Das hatte zur Folge, dass ich zuerst einmal - quasi als Grundstufe - Primarlehrer wurde. Damals notabene ein Aufsteigerberuf, den sich meine handwerklichen Eltern noch gut vorstellen konnten und der ihnen akademisch nicht zu fremd war.

Seit dem Erscheinen des Weissbuches "Bildung Schweiz" der Akademien der Wissenschaften Schweiz hat man das Gefühl, die traditionelle dual geprägte Berufsbildungslandschaft in der Schweiz sei verunsichert. Stimmt dieser Eindruck?
Die Verunsicherung des dualen Bildungssystems der Schweiz - mit Allgemeinbildungs und Berufsbildungssäule- kommt daher, dass im zusammenwachsenden Europa die Zahl der Länder mit reinen Allgemeinbildungskonzeptionen gegenüber denjenigen mit dualen Bildungssystemen stark zunimmt. Auch wenn das Bildungswesen in der EU noch Sache der einzelnen Mitgliedsländer ist: Der europäische Druck zur Bildungsharmonisierung - siehe Bsp. Bologna-Deklaration auf der Hochschulstufe und Kopenhagen-Deklaration auf der Berufsbildungsstufe macht klar, dass sich die EU längerfristig für ein Modell entscheiden wird. Das Allgemeinbildungsmodell hat dabei rein zahlenmässig die besseren Karten.
 
Am meisten Kopfschütteln gerade in Berufsfachschulen verursachte die Vision, dass im Jahre 2030 70% eines Jahrgangs über einen Hochschulabschluss verfügen sollen. Berechtigte Skepsis?
Die Weissbuch-Vision mit der massiven Erhöhung der Quoten von Hochschulabsolventen in der Schweiz und deren hitzige Diskussion darob erinnert mich an die Maturitätsquotendiskussion der Sechzigerjahre, als in Nordischen Ländern schon rund die Hälfte der Schülerschaft einen Maturitätsabschluss schaffte. Die zentrale gesellschaftliche Frage war dabei: Wozu dient eigentlich Bildung? Ist sie primär Einkommensgeneratorin oder aber ermöglicht sie eher Lebensqualität? Damals war allerdings die Kopplung zwischen Bildungsgrad und Einkommen noch nicht so eng wie heute, wo immer mehr bildungsökonomische und instrumentelle  Faktoren auch beim einzelnen Menschen zentrale Rollen spielen. Bildung als Wert der Lebensqualität hingegen scheint zusehends an Bedeutung zu verlieren. Oder anders gesagt: Bildung wird heute zu stark auf Ausbildung reduziert, die wiederum einer Einkommenssteigerung zu dienen hat.
 
Die Fachhochschulen sind Abnehmer der Berufsbildung. Verfügen Absolventen der beruflichen Bildung die Kompetenzen, die an den Fachhochschulen gefordert sind?
Die Entfaltungs - und Weiterentwicklungschancen von jungen Menschen in einer dynamischen Welt und Gesellschaft steigen, wenn diese in der Lage sind, navigierend und autonom ihre bestehenden Rollen - und Persönlichkeitskompetenzen zu reflektieren und ständig weiterzuentwickeln - allein und in der Lerngemeinschaft . Das gilt nicht nur für den einzelnen Bildungsinteressierten. Es gilt auch für die Bildungsinstitutionen. Oder kurz gesagt: Systemisch lernen in lernenden Systemen ermöglicht den heute globalen Wandel vor Ort!

Der Ingenieurmangel scheint mir weitgehend hausgemacht, weil die modernen Industriegesellschaften zu lange einem eindimensionalen Wissenschaft-Technik-Oekonomie- Fortschrittsmodell gehuldigt haben und den dabei anfallenden Risiken für Natur, Gesellschaft und Mensch zu wenig Beachtung schenkten. Die Technikskepsis einer ganzen Generation hat hier - in der Logik ihrer forcierten Eindimensionalität - ihren Ursprung. An die Stelle einer urprünglich eindimensionalen Modernisierung tritt heute weltweit eine selbtkritische und reflexive Modernisierung. Sie ermöglicht vielen jüngeren Menschen, den zwischenzeitlich verschütteten Weg in technische Berufe wieder gangbar zu machen, weil transparent und demokratisch die Vor-und Nachteile von Modernisierungen abgewogen werden können.
 
Als Präsident der Eidgenössischen Fachhochschulkommission und als langjähriger Bildungsexperte haben Sie einen vertieften Einblick in die (Berufs)-Bildung. Welche Tipps können Sie Lehrpersonen an Berufsfachschulen geben für einen zukunftsorientierten Unterricht?
So paradox es tönen mag. Das duale System wird nur überleben, wenn beide Pfeiler gleichberechtigt und vital ihre eigenen Bildungskulturen als Stärken pflegen können. Und wenn dazu auf allen Ebenen zwischen diesen Pfeilern stets vielfältige und individualisierbare Brücken zu Gunsten mobiler Bildungsinteressierter gebaut werden. Doch die Unterschiede müssen immer wieder deutlich gemacht und geschärft werden. Stillstand und schleichende  Anpassungen wären Gift für sein ganzheitliches Ueberleben!
 
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Das Hauptproblem des Berufsbildungs - und Allgemeinbildungswesens unseres Landes ist die Tatsache, dass es nach wie vor gar kein ganzheitlich gedachtes und konzipiertes System (mit übergreifenden Gremien, Strategien, Schwerpunkten und Programmen) bildet, sondern eine Ansammlung von stark selbstbezogenen Kantonen, Bereichen und Stufen (aus dem 19. Jahrhundert) darstellt. In der Vergangenheit, als unser Land primär binnenorientiert und weitgehend auf sich selbst fixiert  war, reichte eine ad-hoc Koordinationen dazu noch aus. In einer globalen Wettbewerbswelt von heute und morgen muss deshalb auch unser helvetisches Bildungswesen im Nachgang mit einer nationale Steuerung und Verantwortung versehen werden. Der Bundesstaat darf vor dem Bildungswesen nicht Halt machen! Unsere Bildungszukunft hängt eng mit seiner zukünftigen Steuerbarkeit zusammen!

30. Januar 2010

Kontakt
E-Mail Hans Zbinden: hans.zbinden@fhnw.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
 
Weitere Informationen
 
Externer LinkEidgenössische Fachhochschulkommission EFHK
Externer LinkWeissbuch Zukunft Bildung Schweiz (pdf)
 
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