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Lehrbetriebsverbund
 
"Es geht auch darum, die neu geschaffenen Attestausbildungen als Chance zu betrachten. Absolventen einer Attestausbildung sind Handwerker, welche der Branche als teilqualifizierte Arbeiter erhalten bleiben, da sie nicht in die höhere Berufsbildung bzw. in ein Büro abwandern."
Michael Perler, Geschäftsleiter des Lehrbetriebsverbundes fribap
 
fribap ist ein Lehrvertriebsverbund im Kanton Freiburg mit dem Ziel, Jugendlichen mit Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche zu helfen und Lehrbetriebe von der Lehrvertagsverantwortung zu entlasten. Michael Perler ist ausgebildeter Lehrer und Landwirt und als Geschäftsleiter des Lehrbetriebsverbundes tätig.
 
Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich habe nach der obligatorischen Schulzeit keine Lehre absolviert, da ich mit 16 schlicht nicht wusste, was ich lernen sollte. Ich habe mich dann auf Anraten des Berufsberaters fürs Lehrerseminar entschieden. Damit hatte ich einen Berufsabschluss und die Möglichkeit für ein Studium. Bleibt hinzuzufügen, dass ich später mit 25 doch noch eine Lehre als Landwirt absolviert habe.

Was muss man sich unter dem Lehrbetriebsverbund fribap vorstellen?
fribap ist ein Lehrbetriebsverbund mit zwei sich ergänzenden Zielen:
 
ListenpunktAusbildungsbetriebe werden durch fribap von der Lehrvertragsverantwortung und allen administrativen Arbeiten entlastet. Mit dieser Dienstleistung können zusätzliche Betriebe für die berufliche Grundbildung gewonnen werden, welche bisher aus unterschiedlichen Gründen noch nicht aktiv waren.
ListenpunktEin Teil des Zielpublikums sind Jugendliche und junge Erwachsene mit Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche, welche ab Lehrbeginn mittels gezielter Unterstützung während der gesamten Lehrdauer begleitet und zu einem erfolgreichen Lehrabschluss geführt werden. Daneben gibt es selbstverständlich auch Lernende, welche keine spezielle Unterstützung brauchen.
 
Die zwei - vier jährigen beruflichen Grundbildungen werden vor allem in Handwerksberufen und im Dienstleistungssektor angeboten. fribap übernimmt die Verantwortung als Lehrbetrieb und ist Lehrvertragspartner. Die Lernenden absolvieren die praktische Ausbildung in einem Partnerbetrieb, welcher als Ausbildungsbetrieb mit fribap zusammenarbeitet. Um einen erfolgreichen Lehrabschluss zu gewähren, betreut und coacht fribap die Lernenden im persönlichen und schulischen Bereich und kontrolliert die Lernerfolge. Rund die Hälfte absolviert eine zweijährige Grundbildung.
fribap ist im ganzen Kanton Freiburg aktiv und funktioniert komplett zweisprachig, was in unserem Kanton unabdingbar aber auch anspruchsvoll ist. Hauptsitz ist Düdingen, in Bulle befindet sich eine kleine Zweigstelle. Finanziert wird der Lehrbetriebsverbund aus verschiedenen Quellen: Die ausbildenden Partnerbetriebe bezahlen neben den üblichen Lehrlingskosten einen Teil an unsere Aufwendungen. Der Kanton finanziert uns auf der Grundlage des kantonalen Berufsbildungsgesetzes im Rahmen einer Leistungsvereinbarung mit einem fixen Betrag pro abgeschlossenen Lehrvertrag. Zudem erhielt fribap im 2007 eine Startfinanzierung des BBT.
Aktuell sind wir bei fribap zu zweit, mit 140 Stellenprozent. Dazu kaufen wir für 20% externe Dienstleistungen ein. Meine Kollegin Marie-Claude Ruffieux deckt den französischen Teil des Kantons ab, ich kümmere mich um Deutschfreiburg. Wir verstehen uns als Firma mit ausgeprägtem Dienstleistungscharakter, auch wenn wir juristisch als Verein organisiert und eine Non-Profit-Organisation sind.
 
Wie finden Sie die Ausbildungsbetriebe? Welche Kriterien müssen diese erfüllen?
Gute Frage! Das Akquirieren von ausbildenden Partnerbetrieben ist tatsächlich eine sehr grosse Herausforderung. Das System des Lehrbetriebsverbundes ist oft zuwenig bekannt; viele Betriebe können und wollen selbstverständlich weiterhin selbständig ausbilden; einige möchten abwarten, wie sich die Auftragslage entwickelt; wieder andere haben negative Erfahrungen gemacht und sind "gebrannte Kinder". Es gibt also tausend Gründe, nicht auszubilden, auch über fribap nicht. Meine Kollegin und ich müssen sehr viel Zeit in Überzeugungsarbeit investieren. Dennoch haben wir erreicht, dass wir im dritten Jahr unseres Bestehens mittlerweile 33 Lernende unter Vertrag haben.
Bei jedem interessierten Betrieb klären wir beim Amt für Berufsbildung ab, ob eine Ausbildungsbewilligung erteilt werden kann. Oft übernehmen wir die Anfrage direkt. Wir arbeiten nur mit Betrieben zusammen, welche dem Amt bekannt sind bzw. die Voraussetzung für mindestens einen Teil der Lehre erfüllen. Unsere Partnerbetriebe sind vorab im Handwerk und im Dienstleistungsbereich tätig, meist sind es kleinere Gewerbebetriebe. Parallel zum Lehrvertrag wird mit den Betrieben eine Vereinbarung betreffend der Ausbildung unterzeichnet, worin die Rechte und Pflichten beider Parteien geregelt sind.
 
In der normalen Berufslehre gibt es den Berufslernenden und seinen Berufsbildner. Im Lehrbetriebsverbund hat ein Lehrling je einen Chef im Betrieb und einen bei fribap. Eine konfliktträchtige Situation?
Lernende, welche im Rahmen eines Verbundes ihre Lehre machen, haben tatsächlich zwei Chefs. Wir haben das bei uns so geregelt, dass auf einem Zusatz zum Lehrvertrag dieser Umstand explizit geregelt ist. Am Anfang der Lehre gibt es dennoch hin und wieder gewisse Fragen betreffend Zuständigkeit, mit der Zeit ist aber allen klar, wer für was zuständig ist. Einige empfinden die Situation manchmal als ein wenig mühsam, weil sie nicht alles an einem Ort erledigen können. Die meisten schätzen aber, dass es ausserhalb des Betriebes noch eine "neutrale" Ansprechperson für verschiedenste Fragen gibt. Zudem erkennen sie den Vorteil, dass wir ihnen mit Hausaufgabenhilfe oder Stützunterricht zur Seite stehen.
Von unseren ausbildenden Partnerbetrieben höre ich immer wieder, dass sie froh sind, sich auf die praktische Ausbildung im Betrieb konzentrieren zu können. Sie wissen, dass wir uns um die anderen Aspekte (Löhne und Versicherungen, Korrespondenz, ÜK, Semesterqualis etc.) kümmern. Besonders froh sind sie, wenn sich ein Problem ergibt und sie wissen, dass fribap die Sache an die Hand nimmt. Wir gewährleisten den Betrieben bei Bedarf innert 24 Stunden vor Ort zu sein. Die Zusammenarbeit ist grossmehrheitlich sehr gut, es gibt aber auch hier zuweilen die Situation, wo Zuständigkeiten geregelt und Sachen geklärt werden oder wo wir auf die Einhaltung von Abmachungen pochen müssen.
 
Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit den Berufsschullehrpersonen?
In meiner Tätigkeit habe ich mit ca. acht verschiednen Berufsfachschulen zu tun. Mit den allermeisten funktioniert die Zusammenarbeit gut. Ich schätze es, wenn ich bei speziellen Vorkommnissen (Absenzen, schlechte Noten) umgehend informiert werde, nicht erst, wenn das Semester-Zeugnis da ist. Wichtig scheint mir auch, dass wir am gleichen Strick ziehen, dass die Lernenden merken, dass sie uns nicht gegeneinander ausspielen können. Bei Lernenden mit Schwierigkeiten in der Berufsfachschule hat es sich bewährt, dass wir gegenseitig einen engen telefonischen Kontakt pflegen. Hier bin ich froh, wenn Lehrpersonen ihre Arbeit etwas umfassender verstehen und nicht meinen, mit dem Schliessen der Schulzimmertür sei die Arbeit getan. Das System des Lehrbetriebsverbundes ist für die Berufsfachschulen teilweise mit Mehraufwand verbunden, weil ich als Coach zusätzlich Teil des Beziehungsnetzes bin. Gelegentlich müssen wir in Gesprächen mit Lehrpersonen hier noch Aufklärungsarbeit leisten, da das System einigen unbekannt ist.
Keine Freude habe ich an der Tatsache, dass die Schulen zwar oft von Möglichkeiten des schulischen Stützunterrichtes sprechen, dies aber meist daran scheitert, dass zuwenig Lernende dafür angemeldet sind! Als ob ein Arzt auch sagen könnte, ich operiere erst, wenn mindestens 5 Patienten da sind! Glücklicherweise gibt es da bei den EBA Berufen die fachkundige individuelle Begleitung.
 
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Es gibt meines Erachtens zwei grosse Herausforderungen. Einerseits müssen verschiedene Berufsverbände (z.B. im Bauhaupt- und Nebengewerbe) alles daran setzen, auch in Zukunft genügend Fachkräfte nachzuziehen. Teilweise werden diese Berufe weniger mehr nachgefragt, zudem gibt es in absehbarer Zeit weniger Jugendliche, welche nachrücken. Firmen wie Verbände sind gefordert, ihre Berufe aktiver zu vermarkten. Zudem geht es auch darum, die neu geschaffenen Attestausbildungen als Chance, und nicht wie teilweise immer noch als Gefahr, zu betrachten. Absolventen einer Attestausbildung sind Handwerker, welche der Branche als teilqualifizierte Arbeiter erhalten bleiben, da sie nicht in die höhere Berufsbildung bzw. in ein Büro abwandern.
Die zweite Herausforderung besteht darin, Jugendliche mit Startschwierigkeiten (schulische und/oder soziale Aufälligkeiten) mit geeigneten Massnahmen ins Berufsleben bzw. in die Gesellschaft zu integrieren. Auch wenn dies nicht hauptsächlich Aufgabe der Berufsbildung ist, bietet die berufliche Grundbildung doch ein ideales Umfeld dazu. Der Staat und die 3 Lernorte sind aufgefordert, zusammen nach vielfältigen Lösungen zu suchen und gezielt zusammen zu realisieren.
Ich meine, dass beide Herausforderungen von vielen Exponenten der Berufsausbildung erkannt sind und etliche gute Modelle existieren. Das Ende der Berufslehre, von welchem hin und wieder die Rede ist, kommt nicht so schnell. Unser System hat grosse Stärken und wird weiter Bestand haben, wenn Politik und Wirtschaft sich den aktuellen Fragen stellen und bereit sind, notwenige Korrekturen vorzunehmen.

10. März 2010

Kontakt
E-Mail Michael Perler: info@fribap.ch
Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch
E-Mail: g.zahno@red.educa.ch
 
Weitere Informationen
 
Externer Linkwww.fribap.ch
 
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